Von Zeit zu Zeit erfreut uns die BILD ja doch mit echten Inhalten, und so nutzt Angela Merkel heute Deutschlands größtes Zeitungsorgan, um dem Volke die richtige Einstellung zu Bildung, Schule und Erziehung nahe zu bringen.
Das ist angesichts ihrer beginnenden Bildungsreise löblich und im Hinblick auf unsere alarmierenden Absolventenzahlen dringend notwendig. Eigentlich müßte sie dort eine wöchentliche Kolumne “Worte zum nationalen Bildungsnotstand” haben.
So lesen wir neben den üblichen Verweisen auf die Verantwortlichkeit der Länder im deutschen Bildungsgerangel und den traurigen Fakten über die tatsächlichen Befähigungen der deutschen Kinder auch ein freundliches Lob für unsere Lehrerschaft.

Soweit nichts Neues, wenn der Blick nicht an folgenden Sätzen hängen bleiben würde:
“… Die Schule kann das Zuhause nicht ersetzen. Wo immer nötig, sollten wir die Eltern zur Erziehung befähigen, denn es darf natürlich nicht sein, dass Kinder zum Beispiel ohne Frühstück zur Schule kommen. Die ganz überwiegende Mehrheit der Eltern gibt sich enorme Mühe und leistet Hervorragendes. Die dürfen wir nicht Minderheit erklären…”
aus www.bild.de
Da kommt die Frage auf, in wie weit Frau Merkel auf ihre Bildungsreise realistisch vorbereitet wird? Aus welchem Elfenbeinturm wurde dort beobachtet? Wo nimmt sie ihre Zahlen her und wie kommen diese zustande?
Angesichts von Erstklässlern, die in einem Hochtechnologieland mit einer Plastiktüte statt eines Tournisters eingeschult werden, und von Elternpflegschaftsabenden in Problembezirken, in denen die Lehrerin vergebens auf die Elternschaft wartet, mag man den Tatsachengehalt dieser Worte bezweifeln. Nur hinschauen muß man eben!
Dabei ist die Realität doch gleich um die Ecke zu finden: Gehen wir von einer durchschnittlichen Berliner Schülerschaft aus, so sind die Probleme mit kariösen Zähnen und kaputten Schuhen noch die kleinsten. Über 20% verfügen nicht über die elementaren Fähigkeiten ihrer Alterskameraden. Nur durchschnittlich 77% der Schüler erreichen den mittleren Schulabschluß im ersten Anlauf und 8% brechen schon vorher die Schule ganz ab, um in ein Leben in Arbeitslosigkeit und Perspektivslosigkeit abzutauchen.
Und es ist egal, ob es in Berlin, Bremen, Gelsenkirchen oder Nürnberg ist: Der lernwillige, kreative und sozial fähige Schüler ist zum Auslaufmodell geworden. Die Realität sieht in Deutschlands Staatschulen anders aus. Der Montag wird intern als Wiedereingliederungstag nach einem Wochenende voll Regellosigkeit und Fernsehkonsums geplant, fachbezogenes Lernen ist dann Nebensache.
Selbst in den vermeintlichen kleinen Paradiesen, in den wohlsituierten Speckgürteln und Landidyllen, gibt es sie: die kleinen Bildungsverweigerer, die Kinder, die sich nicht problemlos einfügen können und ein konzentriertes Lernen im Klassenverband überfordert. Kinder, die fünfmal aufgefordert werden müssen, die durchgängige Einzelansprache brauchen, um den Unterricht wahrzunehmen.
Dabei sind es alles liebenswerte Kinder: unsere Schätze, unsere Zukunft, kostbar und voller Möglichkeiten! Kinder, die Hinwendung und Strukturiertheit begierig aufsaugen. Kinder, die nach gesunder Anregung und Beschäftigung lechtzen. Kinder, die sich danach sehnen, die gängigen sozialen Lenkungsmechanismen zu verstehen und ihren Platz im Leben zu finden.
So ist es umso wichtiger, dass Frau Merkel ihre Bildungsreise nutzt, auch die Familien zu besuchen, in denen das Lebensprojekt “Bildung” nicht nur startet, sondern auch seine zukunftsweisende Prägung erfährt, um dort den Stand der Dinge zu erfahren.
Denn die wirkliche Bildungsreise beginnt im Elternhaus: Was hier versäumt wird, ist auch mit den bestgeschulten Erziehern und dem Einsatz von Unmengen an Fördermitteln kaum wieder aufzuholen. Bildung stärken heißt: Familienkompetenz stärken! Wollen wir hoffen, dass das auch im Elfenbeinturm so gesehen wird…